Web 2.0 ist technologisch ein alter Hut

Experte warnt YouTube und Co. vor Ausbeutung der Anwender

“Die wesentlichen technologischen Elemente des Web 2.0 sind bereits seit 2000 bekannt. Allerdings verstehen wir erst jetzt, wie die Technologie gut eingesetzt werden kann”. Mit diesen Worten hat Clemens Cap von der Universität Rostock die Diskussion um das Schlagwort Web 2.0 gestern, Montag, im Rahmen eines Expertenforums in Wien auf den Punkt gebracht.

Zustimmung erhielt der Universitätsprofessor von allen anderen Panel-Teilnehmern, die im Rahmen der von Con.ect http://www.conect.at und Future Network http://www.future-network.at organisierten Veranstaltung versuchten, den Begriff Web 2.0 greifbar zu machen.

Während Vertreter von Microsoft und IBM auf ihre eigenen Beiträge bei der technologischen und inhaltlichen Weiterentwicklung des Web 2.0 verwiesen, warnte Cap indes die Branche, sich zu sehr auf den Leistungen der Anwender auszuruhen. In Anlehnung an den vom Internetexperten Andreas Weigend geprägten Begriff “Aal” (Andere arbeiten lassen) bezweifelt Cap, ob User langfristig bereit sind, für den Geschäftserfolg eines Unternehmens wie YouTube oder Flickr unentgeltlich ihre Inhalte beizusteuern. Angesichts der steigenden Leistungsfähigkeit des Internets bei einem gleich bleibenden intellektuellen Aufmerksamkeitsvermögen der Menschen ortet Cap anwenderseitig zudem einen Wechsel von einer Informationsökonomie zu einer Aufmerksamkeitsökonomie hin. “Informationen aller Art sind nicht zuletzt durch die Entwicklungen auf Hardwareseite auf unterschiedliche und spannende Weise abrufbar. Allein die Zeit und Aufmerksamkeit der Anwender bleibt gleich beziehungsweise wird sogar weniger”, so Cap gegenüber pressetext.

Auch bei der Implementierung von Web-2.0-basierten Technologien in externen und internen Kommunikationsprozessen von Unternehmen zeigten sich die Experten einig. Bei allen Chancen und Möglichkeiten, die Web 2.0 bietet, sei hier durchaus auch Vorsicht angebracht. “Derzeit gibt es rund um AJAX und die anderen eingesetzten Technologien noch viele inoffizielle Standards. Die Investitionssicherheit kann somit nicht 100-prozentig gewährleistet werden”, meint etwa Alexander Szlezak, Geschäftsführer von Gentics Software http://www.gentics.com. Er rät Unternehmen bei allen Implementierungen in erster Linie die Anwender im Fokus zu behalten. “Wenn die Anwender selbst einen Nutzen davon haben, dann werden sie auch gerne bereit sein, Inhalte nach dem ‘Aal’-Prinzip beizusteuern”, so Szlezak.

Den Begriff Web 2.0 wertet Szlezak als Synonym für das sich verändernde Internet. Wie IBM-Kollege Tony Fricko weist er auf die neuen Möglichkeiten hin, die sich durch die Vernetzung von Anwenderinhalten und verschiedenen Datenpools in sogenannten Mashup-Applikationen anbieten. Durch die Einbindung von Kunden und Mitarbeitern auf Unternehmens-eigenen Kommunikationsplattformen habe sich der Informationsfluss von und zu Unternehmen entscheidend verändert. “Die Trennung zwischen Intranet, Extranet und Internet existiert de facto nicht mehr. Ein Unternehmen ist heute in alle Richtungen durchlässig und muss sich zusehends auch mit externen Anwendungen auf seinen webbasierten Portalen auseinandersetzen”, so der Gentics-Geschäftsführer.

Web-2.0-Experte Thomas Burg, Geschäftsführer von factline http://www.factline.com, warnte Unternehmen einmal mehr davon, die Implementierung von Web-2.0-Technologien unter dem Aspekt der Kostenersparnis und Umsatzsteigerung anzugehen. “Unternehmenserfolg wird immer auch von Kreativität, Innovationsgeist und einer funktionierenden Unternehmenskommunikation getragen”, so Burg. Eine Implementierung von sozialer Software, wie Blogs, Wikis und ähnlichen Kommunikationstools müsse folglich immer einen persönlichen Nutzen für die Anwender, das Arbeitsteam, aber auch die Organisation an sich haben. Dabei müsse man sich bewusst sein, dass nur rund ein Prozent aller Anwender aktiv im Sinne eigener Content-Erzeugung sei. Im Sinne einer erfolgreichen Implementierung in Unternehmen sei es daher unerlässlich auch die passive Kollaboration, wie das Lesen und Teilhaben an derartigen Prozessen, sichtbar zu machen, meint Burg.

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